Autoverkehr befördert den Klimawandel, körperliche Untätigkeit und erhöht Luftverschmutzung und Lärmbelästigung.

Der Lancet Countdown (https://www.lancetcountdown.org/) ist eine internationale Kooperation von u. a. 35 Forschungsinstitutionen und UN-Agenturen (darunter das PIK und die Charité), gegründet, um ein unabhängiges, globales Monitoringsystem zur Verfügung zu stellen, das die deutlicher werdenden gesundheitlichen Folgen des Klimawandels dokumentiert. Der Lancet Countdown fordert in seinem Bericht vom Dezember 2020 u. a.:

Lebensräume schaffen, die aktiven, nicht-motorisierten Transport begünstigen und andere Arten von körperlicher Bewegung auf allen Ebenen fördern:

Der Verkehrssektor ist für etwa ein Viertel der Treibhausgasemissionen in Europa verantwortlich und ist die Hauptursache von Luftverschmutzung im urbanen Raum: In Deutschland sind Luftschadstoffe der wichtigste umweltbedingte Risikofaktor. Sie wirken sich in allen Lebensphasen negativ auf die menschliche Gesundheit aus, angefangen vor der Geburt bis ins hohe Alter.

Daten aus dem Lancet Countdown legen nahe, dass vom Menschen verursachter Feinstaub PM2.5* im Jahr 2018 in Deutschland 42.150 vorzeitige Todesfälle verursacht hat. 15 % dieser feinstaubverursachten Todesfälle, also ca. 6.320, sind auf Straßenverkehr zurückzuführen. Eine Reduktion der Luftschadstoffe würde zu einem Rückgang von Atemwegs-, Herz-Kreislauf-, zerebrovaskulären und Tumorerkrankungen führen; fast alle Organe, Systeme und Prozesse des menschlichen Körpers würden davon profitieren.

Der Verkehrssektor ist auch ein Schlüsselfaktor dafür, wieviel Menschen sich bewegen. Die körperliche Aktivität der deutschen Bevölkerung liegt unter den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Regelmäßige körperliche Aktivität senkt das Risiko für Übergewicht und Adipositas, für nichtübertragbare Erkrankungen (non-communicable diseases, NCDs) wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2 und psychische Erkrankungen.

Investitionen in verbesserte Fußgänger- und Fahrradinfrastruktur und die Förderung von aktivem Pendeln zur Arbeitsstelle und zur Schule können aktive Mobilität unterstützen und erleichtern. Dadurch können Triebhausgasemissionen und Luftverschmutzung reduziert und Bewegung gesteigert werden, was auf vielfältige Weise die Gesundheit fördert.

Dies sollte geschehen durch:

Förderung von öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrradfahren und Mobilität zu Fuß. Dies schließt ein verbessertes Radwegenetz mit sicheren und komfortablen Wegen ein, mit Abstellplätzen für Fahrräder und Änderungen der Verkehrsregeln, mit attraktiven Fußgängerzonen, autofreien und verkehrsberuhigten Zonen sowie ergänzend preiswerten und sicheren öffentlichen Verkehrsmitteln.

Förderung von aktivem Pendeln. An Schulen und Arbeitsplätzen einschließlich Krankenhäusern sollten Maßnahmen zur Förderung des aktiven Pendelns ergriffen werden. Dies beinhaltet das Schaffen von Anreizen zum Erwerb von Fahrrädern, die Bereitstellung von Fahrradabstellplätzen und Umkleidekabinen, sowie die Zertifizierung als fahrradfreundlicher Arbeitgeber.

Den Zugang zu Grünflächen sicherstellen. Grünflächen führen zu mehr  körperlicher Aktivität und besserer Gesundheit. Sie helfen durch ihre kühlende Wirkung, die gesundheitlichen Folgen von Hitzewellen einzudämmen.

*PM2.5 bezieht sich auf Feinstaub; Partikel oder Flüssigkeitströpfchen in der Luft mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern (ein 400stel Millimeter). Durch ihre geringe Größe können diese Partikel tief in die Lunge eindringen.

Das enorme Potenzial der Städte, den notwendigen transformativen Wandel zu Nachhaltigkeit voranzutreiben, wirksam einsetzen: Das städtische Umfeld nimmt entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit der Bewohner. Lokale Maßnahmen können urbane Lebensräume so transformieren, dass sie die Gesundheit fördern, während sie gleichzeitig die soziale, ökonomische und ökologische Entwicklung vorantreiben. Integrierte Bewertungen von Umwelt- und Gesundheitseffekten und die Einbeziehung von Gesundheitsexperten in die multisektoralen Entwicklungsprozesse sind für die Schaffung gesunder und nachhaltiger städtischer Räume notwendig.

Eine gesunde und nachhaltige Stadtentwicklung ist für die Sicherung der Lebensqualität der Einwohner von zentraler Bedeutung. Weltweit verursachen Städte schätzungsweise 70 % der Treibhausgasemissionen. Sie prägen das Leben der Menschen, die in ihnen leben und arbeiten. In Deutschland leben 75 % der Bevölkerung in Städten. Stadtbewohner sind aufgrund urbaner Hitzeinseln besonders großer Hitze und Hitzewellen ausgesetzt, was zusätzliche Anpassungsmaßnahmen erfordert. Ebenso sind sie von Luftverschmutzung und Verkehrslärm betroffen, was ihre Gesundheit und Lebensqualität erheblich belastet. Darüber hinaus fördert ein bewegungsarmer Lebensstil, häufig unterstützt durch übermäßigen Gebrauch von Kraftfahrzeugen, die Fettleibigkeit und nichtübertragbare Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, wobei er gleichzeitig den Klimawandel antreibt. Die Auswirkungen der Exposition gegenüber Umweltrisiken in Städten werden durch die dortigen sozioökonomischen Unterschiede der Bewohner verschärft.

Kommunen sollten lokale Risikobewertungen und Folgenabschätzungen zum Teil ihrer Planung machen, um die gesundheitlichen Auswirkungen künftiger klimabedingter Risiken zu minimieren.

Trotz dieser Herausforderungen können Städte wirkmächtige Vorreiter für die erforderlichen transformativen Veränderungen sein. Eine innovative Stadtentwicklung bietet daher wichtige Chancen zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung, zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen und zur Vorbereitung auf gesundheitliche Risiken, die durch den Klimawandel noch verschärft werden.

Die Erholungsphase nach der COVID-19-Pandemie bietet Gelegenheit, strategisch ausgewählte Maßnahmen umzusetzen, die die erforderlichen transformativen Änderungen zusätzlich beschleunigen, wie zum Beispiel die rasche Anpassung der Mobilität auf eine Weise, die die Nutzung von Fahrrädern befördert, einschließlich der Einrichtung von Pop-up-Radwegen in Städten.

Dementsprechend werden folgende Interventionen empfohlen:

Reduzierung der Hitzerisiken durch Stadtplanung. Der Ausbau urbaner grüner Infrastruktur (Parks, Straßenbäume und Dachbegrünung in Verbindung mit entsprechendem Wassermanagement) wirkt dem Hitzeinseleffekt entgegen.

Smart Zoning einführen, um kompakte Städte zu schaffen. Diversifizierte Raumnutzung und angemessene Siedlungsdichten in Städten animieren zum Zu-Fuß-Gehen und Radfahren, verkürzen die Pendelzeiten zum und vom Arbeitsplatz und reduzieren die Verkehrsdichte, gleichzeitig stärken sie den sozialen Zusammenhalt und verbessern die Lebensqualität.

Anwendung von integrierten Rahmenplänen in der Stadtentwicklung. Bei der Planung, Umsetzung und Evaluierung von Maßnahmen in der Stadtentwicklung sollten Rahmenpläne, die Gesundheit und Nachhaltigkeit verbinden, wie etwa das „Urban Sustainability Framework“, sowie lokale Risikobewertungen und Folgenabschätzungen für die Gesundheit und die Umwelt berücksichtigt und durch Bürgerbeteiligungsprozesse untermauert werden.

Stärkung der interdisziplinären und sektorübergreifenden Zusammenarbeit. Multisektorale Koordination von Stadtplanern, Architekten, Verkehrsexperten, Lehrern, Ernährungsexperten und Angehörigen der Gesundheitsberufe werden die Synergien mit bestehenden Projektaktivitäten wirksam einsetzen und die Nutzung von Fachwissen und Erfahrung ermöglichen.